Zensur, Kammerjäger, Schneckenhaus, bailo, Farbkassette

Neugierig beugte ich mich vor. Ich wollte nur zu gern wissen, was Eselkeks über Cimarons und mein kuscheliges Flugpärchen dachte.

»Warum seid ihr noch hier?«, fragte Eselkeks, anstatt seinen Gedanken weiterzuspinnen. Mist.

»Kleiner Ausflug in die irdischen Gefilde. Wir wollten gerade …«

»Vögeln«, sagte ich, und sowohl Cimaron als auch Eselkeks erstarrten in der Luft. Cool, ich hatte gar nicht gewusst, was für eine durchschlagende Wirkung ich haben konnte. »Was denn, Hasipups. Ich dachte, du wolltest mich auf die nächsthöhere Ebene frohlocken.«

Cimaron stöhnte wie unter Schmerzen.

Eselkeks‘ Augenbrauen bildeten eine strenge Linie. »Das hat er dir gesagt?«

»Ja, wieso? Unterliegt das etwa irgend einer göttlichen ZENSUR?« Ich reckte das Kinn. Dieser Eselkeks dachte wohl, ich hätte von nichts in seiner affigen Schneeglöckchenwelt eine Ahnung.

»Also …«

»El…efanti!« Im letzten Moment schluckte Cimaron meinen wahren Namen hinunter. Aha, aha, aha. Interessant, interessant. Anscheinend wollte er nicht, dass Eselkeks meinen Namen erfuhr. »Entweder du schweigst jetzt sofort, oder ich muss dich leider fallen lassen.«

»Pff…«, machte ich. »So gut wie du fliege ich allemal.«

Eselkeks Augen wurden kugelrund. »Sie kann fliegen?«

»Wie ein Fisch!«, behauptete ich.

Cimarons Hand über meinem Mund verhinderte, dass ich mit weiteren übermenschlichen Fähigkeiten angab. Blödmann. Kaum merklich driftete er ein wenig von Eselkeks weg.

»Hör zu«, raunte er, sobald wir außer Hörweite waren. »Ezekeel ist nicht wie ich. Dass er hier ist, könnte ein echtes Problem für uns werden, also spielst du besser mit. Er ist sozusagen der KAMMERJÄGER unter den Engeln …«

»Unn iff win bie Kakalake, owa waf?«, nuschelte ich gegen seine Handfläche.

»So in etwa. Am besten überlässt du das Sprechen ganz mir.«

Widerstrebend nickte ich, woraufhin er – ebenso widerstrebend meinen Mund freigab.

»Wie du siehst, Ezekeel, ist sie mental etwas derangiert«, erklärte Cimaron mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Mein aufgeklappter Mund klappte wieder zu. »Ich hätte sie selbstverständlich … anderweitig überzeugen können, die Ebene zu wechseln, aber dann hätte sie sich vermutlich wieder in ihr SCHNECKENHAUS zurückgezogen und ich hätte den ganzen Stress auf Ebene Minus 1 erneut durchstehen müssen. Das war mir ein Experiment wert.«

Schneckenhaus? Also, das hörte ich nun auch zum ersten Mal. Ebenso meine angebliche Derangiertheit. Und wieso sprach er auf einmal von Minus –

»Aha. Und was für ein Experiment wäre das, wenn ich fragen darf?«, fragte Eselkeks (Ekelkeks passte eigentlich viel besser zu ihm!) mit einem (brechreizerregenden) Grinsen.

»Darfst du nicht!«, pampte ich entgegen Cimis Warnung dazwischen. »Das Experiment ist natürlich top secret, du Kronleuchter.«

Ekelkeks kniff die Augen zusammen. Eine Gänsehaut überzog meine Arme, obwohl Cimarons Körperwärme meinen Rücken aufheizte. Vielleicht hätte ich doch besser auf Cimi gehört und meine Klappe gehalten. Doch anstatt einen seiner unterarmlangen Dolche auszupacken und mir damit mein freches Mundwerk aus dem Gesicht zu schneiden, begann er in der Luft herumzuwackeln wie ein Eichhörnchen auf Speed.

»Was tut er da?«, flüsterte ich Cimaron zu.

Offenbar waren alle Engel mit einem Fledermausgehör ausgestattet, denn Ekelkeks verzog die Mundwinkel spöttisch. »BAILO, Corazon.«

»Hä?«, machte ich uncharmant.

»Ich tanze. Ich dachte, dein spanischer Lover da unten hätte dir zumindest ein paar Brocken in seiner Muttersprache ins Ohr geflüstert.« Sein Daumen deutete über seine zuckende Schulter hinweg auf Pablos Haus. »Warum erregt sie das nicht? Ich dachte, ich könnte dir die Arbeit abnehmen, vielleicht steht sie eher auf blond?«, fragte er Cimaron.

»Ein paar Brocken könnte ich gerade durchaus aus den Tiefen von meinem Magen heraufbefördern …«, begann ich.

»Siehst du, wie schwachsinnig sie ist?«, seufzte Cimi genervt. »Sie hat noch nie etwas vom Genitiv gehört.«

Ich hätte ihm seinen Genitiv in seine Genitivalien gestopft, wenn Ekelkeks nicht so heftig genickt hätte, dass seine albernen Schmalzlocken auf- und abwippten. Wen sollte ich nun zuerst vergenitivaltigen?

»Okay ihr zwei! Windhauch und du, Dancing Queen, hört mir jetzt mal beide ganz scharf zu, oder ich schwöre, ihr werdet beide Euren Genitiv rückwärts aufsagen können, während ihr Eure Zähne zwischen Euren Eiern auseinandersortiert.« Die beiden Engel sahen gleichermaßen entgeistert aus, wobei ich nicht sicher war, ob überhaupt jemand (mich eingeschlossen) meine Drohung verstanden hatte. Egal. »Ich werde jetzt da rein gehen und Pablos Traum ausspionieren. Ihr könnt derweil euren Balztanz aufführen oder einfach abhauen oder euch meinetwegen gegenseitig auf die tausendste Ebene hosiannen, ist mir wurscht!«

Ekelkeks sah so irritiert aus, dass er Cimaron wohl leidtat, denn noch als ich davonflog (etwas unelegant, was selbstverständlich am Zorn lag, der meinen Flug eckig und unbeholfen machte), hörte ich meinen ‚Bewachhundengel‘ flüstern: »Versuche es nicht zu verstehen. Sie ist so durchgeknallt wie eine Supernova.«

»Wie küsst sie denn?«, fragte Ekelkeks, gar nicht subtil und in meinem Rücken entstand eine viel zu lange Pause. Ich flog langsamer. Cimaron hatte gelogen, dass er nicht lügen konnte. Er würde also seinen verhassten Engelskollegen einfach anlügen. Zum Beispiel konnte er behaupten, mich nicht geküsst zu haben. Oder sagen, dass mein Kuss eine Katastrophe war. Trotzdem schlug mein Herz schneller als ich im Schneckentempo auf Pablos Fenster zuschwebte.

»Stell dir vor, du springst kopfüber in eine explodiernde FARBKASSETTE«, sagte Cimaron.

Ich knallte gegen die Hauswand.

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