Trampolin, Teelichtorgie, Bierpfütze, Begrüßungsritual, Eselsohr.

Cimaron kicherte. »Ich liebe es, wenn du eifersüchtig wirst, Segelöhrchchen.«

Unbegreiflich! Ich hatte wirklich genug komplexbehaftete Körperteile. Nur meine Ohren hatten mich bislang nicht gestört (nicht mal Jen hatte daran etwas zu motzen gehabt). Dank dem Stichler meines Nachlebens konnte ich die beiden Anhängsel an meinem Kopf nun zur Liste hinzufügen. Halleluja.

»Als nächstes müssen wir uns wohl in Pablos Traum einschleichen«, seufzte ich.

Cimarons Miene erinnerte an Gewitterwolken. »Nicht, wenn ich es verhindern kann.«

»Oha!« Mit Sicherheit war mein Grinsen diabolisch. Nimm das, Engelchen! »Ich liebe es, wenn du eifersüchtig wirst, Schnüffelnäschen.« (Leider trafen meine Hundespitznamen nicht auf sensible Ohren, aber egal.)

Cimaron runzelte die Stirn. »Er hat dich verletzt. Du hast seinetwegen geweint. Ich bin nicht eifersüchtig, ich will ihn kastrieren.«

»Doch das darfst du nicht … leider?«, hakte ich zugleich bedauernd wie schaudernd nach. Ein Bild von Pablos blutigen Hoden in Cimis Hand drängte sich in mein Gehirn. Uuuurrgssss … Doppel-urgs!

Cimis Ausdruck bekam etwas Verschlagenes. »Nichts, was einen sichtbaren, bleibenden Schaden hinterlässt, der auf mich zurückzuführen wäre. Ich könnte lediglich ein klein wenig TRAMPOLIN auf seinen Eingeweiden springen. Also zumindest auf den Teilen, die für den Fortpflanzungsakt von Wichtigkeit sind.«

»Oh, du böser Junge. Ich möchte zuschauen. Mit einem Glas Champagner in der Hand.« In Wahrheit fand ich das Zeug viel zu sauer. Aber es hörte sich nun mal cool an. Reif und verrucht.

»Der böse Junge wüsste sehr viel interessantere Dinge mit dir und Champagner anzustellen …«

Oh holy … da gingen sie dahin, meine Verruchtheit und Reife. Scheiße! Hastig stapfte ich los. Bis zu Pedro war es ein weiter Fußmarsch quer durch die Stadt. Besser ich konzentrierte mich auf meine Spionagearbeit, als auf Cimaron (Zunge, Champagner, Bauchnabel, Prickeln, Rosenblätter, TEELICHTORGIE … oh my …)

Sein Seufzen verriet, dass er mir folgte, dann fegte sein Arm mir die Beine unter dem Körper weg. »Wenn du endlich diese irdischen Gesetze vergessen könntest, wären wir innerhalb eines Gedankens bei deinem Zahnlückenpauly. Lass uns wenigstens fliegen, sonst wird das nie was mit dem Champagner.«

»Wir! Fliegen gar nicht. Du fliegst«, stellte ich fest und rückte mich ein wenig in seinen Armen zurecht. Es war viel zu gemütlich, als dass ich ernsthaft protestiert hätte, aber das würde ich ihm natürlich nicht verraten.

»So kann ich leichter Pimmelchens tragisches Unfall-Ableben planen.« Cimaron zog mich näher an sich. »Klägliches Ertrinken in einer BIERPFÜTZE.«

Obwohl ich ihm jubelnd zustimmen wollte, dass es Pablo recht geschähe, bauch nach oben in einer stinkenden, klebrigen Bierlache zu schwimmen, störte mich doch etwas. »Warum bist du so sauer auf Pablo, während du an Jen kein schlechtes Haar lässt? Sie ist mindestens genauso schuld, wenn nicht noch mehr. Immerhin war sie meine beste Freundin … dachte ich zumindest.« Cimarons mitleidiger Blick brachte mich dazu, hastig weiterzusprechen. »Das liegt doch nur wieder an ihren …« Ich quetschte meinen Busen zwischen den Oberarmen zusammen und sah bedeutungsvoll nach unten. Cimaron ging in einen eckigen Sinkflug, ehe er sich wenige Meter über dem Boden noch einmal abfing und wieder steil nach oben schoss. Nur daher kam das achterbahngleiche Gefühl in meinem Bauch. Woher auch sonst?

»Wenn du nicht vorhast, den Asphalt in der Horizontalen auszutesten, solltest du so etwas besser vermeiden …«, knurrte Cimaron.

»Soll das heißen, du bist ein mieser Flieger? Das hättest du mir besser vorher gesagt. Safty instructions und so …«

»Das soll heißen, dass ich ein verdammt mieser Asket bin. Und du hältst mich schon verflucht lange in diesem unerträglichen Zustand. Noch so einen Busenblitzer und ich garantiere dir einen Direktflug von Null auf Ebene sieben.« Sein Blick, der eben noch intensiv und etwas bedrohlich auf mir gelegen hatte, riss sich schlagartig von mir los und schoss zu Pablos Haus, bei dem wir zwischenzeitlich von mir unbemerkt angekommen waren. Cimis Kiefermuskeln zuckten. »Was will der denn hier?«, murmelte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.

»Wer?«, fragte ich, doch eigentlich war meine Frage überflüssig. Abgesehen davon, dass nur eine Person zu dieser nächtlichen Stunde auf dem Gehsteig stand, wäre es auch in einem vollbesetzten Fußballstadium nur eine gewesen, von der Cimaron sprach. Das Licht der Straßenlaterne glitzerte auf seinen goldblonden Locken. Stahlblaue Augen strahlten hell genug, dass ich die Farbe glasklar in mehreren Metern Höhe erkennen konnte. Vielleicht lag es daran, dass er genau zu uns hinaufstarrte, obwohl wir doch irgendwie unsichtbar sein sollten. Oder daran, dass er mit einem süffisanten Grinsen in die Luft sprang, blendendweiße Flügel (!) ausbreitete und zu uns hinaufschwebte. Oder es lag an der gottgleichen Schönheit, die ihn umschwebte wie ein Weichzeichner in einem Kitschfilm. Cimaron presste mich so fest an seine Brust, dass ich blaue Flecken an meinen Rippen befürchtete. »Kein Grund mich zu zerquetschen«, ächzte ich, doch er ließ nicht locker. Sein Blick war stahlhart auf den anderen gerichtet.

In der Geschwindigkeit eines Zwinkerns war der Blonde auf unserer Höhe. Stumm fixierten sich die beiden, doch während Cimaron aus einem Eisblock gemeißelt schien, zauberte ein nur schlecht verhohlenes Grinsen ganz entzückende Grübchen auf die Wangen des Blonden.

»Mal’ach …« Seine Verbeugung war nur eine Andeutung, und durch den frechen Blick, den er Cimaron dabei zuwarf, eher eine Herausforderung als eine Ehrerbietung. »Irdische.«

Cimaron sagte immer noch nichts. Ich fragte mich, ob ich gerade Zeuge eines mysteriösen Engel-BEGRÜSSUNGSRITUALs wurde. Wer-kann-länger-Starren-ohne-zu-blinzeln oder Ringelpiez mit Anfassen. Also, zumindest wirkte Cimaron, als würde er den Ringelpiez des anderen herzlich gern um seinen Hals wickeln und ihn daran an einem Kirchturm aufknüpfen.

Ich räusperte mich in die Stille hinein. »Wow! Cimi. Dein Freund ist dir aber an Puttenhaftigkeit ein paar Jahrhunderte voraus«, stellte ich fröhlich fest und freute mich königlich, als Cimarons Arme sich um mich herum versteiften.

»Oh, Ihr schmeichelt mir, werte Dame, aber ich bin weitaus jünger als mein Bruder …« Jünger schien für ihn gleichbedeutend mit ‚mehr-von-Allem‘ (mehr sexy, mehr blond, mehr Kitsch …) und nicht ‚weniger-erfahren‘. Cimarons Arme wurden zu Reckstangen, die mir die Luft abdrückten.

»Davon bin ich überzeugt«, schnaufte ich. »Aber Brüder? Ihr seht euch ja mal überhaupt nicht ähnlich. Lasst mich raten, bei Cimi kommt eure entzückende Mutter Bernhardina durch …«

Cimaron schnaubte. »Würdest du bitte einfach die Klappe halten?«, zischte er mir zu, ohne seinen Bruder aus den Augen zu lassen. »Was willst du hier? Du bist nicht befugt, einfach in das irdische Reich –«

»Stimmt. Nicht ganz. Ich komme mit dem Auftrag, dir zur Hand zu gehen, Cimaron.«

Die stets sonnengebräunte Nasenspitze meines Engels wurde ganz weiß vor Zorn. »Ich benötige keine Hilfe.« Vor allem nicht von dir. Das sagte er zwar nicht, aber es schrie einem quasi aus seiner verkniffenen Miene entgegen.

Der Blonde zuckte die Schultern. »Das sehen die Oberen anders. Es ist noch nie vorgekommen, dass du so lang gebraucht hast … und Beobachtungen haben gezeigt, dass du auf der Erde wandelst, anstatt das Subjekt längst auf Ebene Minus –«

Cimaron hustete.

Moooooment mal. Beobachtungen? Subjekt? Hatte ich Blondie bisher noch ganz sympathisch gefunden mit seinem Lausbubengrinsen und der herrlichen Fähigkeit, Cimaron in diesen angespannten Stresszustand zu versetzen, verkackte er sich gerade jeden Bonuspunkt.

»Sag mal, ich hab gar nicht mitbekommen, dass du dich vorgestellt hättest. Lernt ihr das nicht auf der Engel-Benimm-Akademie? Cimaron war da deutlich charmanter«, stärkte ich meinem persönlichen Albtraum den Rücken.

»Daran habe ich keinen Zweifel. Unsere Aufgaben sind vollkommen unterschiedlicher Natur. Während Cimaron die Damen mit … Versprechungen durch die Ebenen geleitet, bin ich eher derjenige, der die überzeugt, die sich widersetzen.«

Oha. Die ‚Versprechungen‘ klangen schon nicht besonders schön, aber noch weniger freundlich stellte ich mir Blondies ‚Überzeugungsarbeit‘ vor, wenn ich mir so ansah, was da an Folterinstrumenten von seinem Gürtel baumelte. (Ich sage nur: Zahnarztbohrer-ohne-Betäubung-in-Elefantengröße)

»Oder abtrünnige Engelsbrüder wieder zurück auf die rechte Bahn zu geleiten.« Er lächelte wieder, doch dieses Mal fand ich die Grübchen eher beängstigend. »Mein Name ist nicht von Bedeutung, denn du wirst kaum genug Zeit mit mir verbringen, um mich anzusprechen, Irdische.«

»Halt bitte jetzt den Mund«, wisperte Cimaron mir zu. »Ich versichere dir, wenn Ezekeel dich in die Finger kriegt –«

»Eselkeks? Das ist dein Name? Da hattest du ja noch weniger Glück als Lingling hier«, kicherte ich.

Cimi stöhnte und Eselkeks verzog verwirrt das Gesicht.

»Immer noch besser als ESELSOHR«, plapperte ich weiter. »Als Keks hast du wenigstens etwas an dir, was Cimi garantiert mag.« Ich tätschelte Cimarons Kopf und Eselkeks‘ Blick sprang zwischen meiner patschenden Hand und Cimarons Armen, die sich nur noch fester um mich wickelten hin und her.

»Also, wenn ich es nicht besser wüsste …«, murmelte Eselkeks mit zusammengekniffenen Augen.

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