Sandmännchen, Bananenmilchshake, Geistererscheinung, Liebesknochen, Xylophon.

Schnell drehte ich am Glücksrad, um mir nicht die Augen ausreißen, in Säure wälzen und anschließend mit grobem Sandpapier abschmirgeln zu müssen. Meine Laune war sowieso schon irgendwo im Untergeschoss Minus dreihundert angekommen, als der Pfeil erneut auf Pflicht zeigte.

Ich rollte mit den Augen. »Was? Soll ich die Feigenblätter auch noch loswerden? Was für ein tolles Spiel! Dein Unterbewusstsein ist genauso kreativ wie du, Jen. Gratuliere.«

»Sicher träume ich nicht davon, mit diesem Traumkerl zusammen nackt zu sein … und dich dabei zu haben. Ebenfalls nackt. Gott, Elfi, wirklich!«

»Gott-Elfi trifft es–«

»Ladies!«, unterbrach uns Cimaron strahlend. Er patschte in die Hände wie Backe-backe-Kuchen. Shit, warum war das niedlich? »So sehr es mir schmeichelt, das Zentrum eures Bitchfights zu sein, Elfi hat eine Aufgabe zu erledigen. Und die wäre …« Er machte eine bedeutungsvolle (augenbrauenlastige) Pause, bei der ich vor lauter Nervosität beinahe einen Würgereiz bekam. Auch Jen trippelte auf der Stelle und sah nervös von Cimi zu mir. »Ein Kuss.«

»Hä?«, sagte ich. »Wen soll ich bitte hier küssen. Doch nicht etwa Jen?«

Zu spät bemerkte ich meinen Fehler. Interesse blitzte in Cimarons Augen auf.

Jen stöhnte. »Du bist wirklich selten dämlich, Elfi. Manchmal denke ich, es ist gut, dass du tot bist.«

»Hey!«, protestierte ich. »Vermerke das als Geständnis, SANDMÄNNCHEN.«

Doch Cimaron breitete nur die Arme aus. »Komm lieber her. Im Traum sagt man manchmal Dinge, die in Wirklichkeit von der Moral zensiert werden. Wenn du deine Aufgabe nicht erfüllst, ist übrigens Jen an der Reihe … und ich denke mal –«

»Schon gut!«, unterbrach ich ihn. »Ist ja nicht so, als wäre das unser erstes Mal.« Einen triumphierenden Blick in Jens Richtung konnte ich mir nicht verkneifen. Ihre angesäuerte Miene hob meine Laune um mehrere Etagen. Dieses Spiel war gar nicht so übel – bis ich Cimarons zufriedenes Grinsen bemerkte.

»Doch. Es wird das erste Mal sein, dass du mich küsst und nicht ich dich.«

»Mach dir nichts vor. Es ist ja nur unter Zwang. Freiwillig würde ich nie –«

»Ah! Du vergisst, dass ich – der Showmaster – hier die Regeln mache. Es ist ein Kuss, kein kleiner Schmatzer. Er muss leidenschaftlich sein und aus freien Stücken geschenkt werden.« Weil ich den Mund zum Protest öffnete, zuckte er fröhlich die Achseln. »Das sind nunmal die Spielregeln.«

Ich hatte wirklich keine andere Wahl, denn Jen befeuchtete hinter Cimis Rücken bereits ihre rosaroten Lippen. Bäh! Da waren die Engelslippen vor mir doch noch die bessere Alternative. Ich schloss die Augen, stellte mich auf Zehenspitzen und beugte mich vor.

»Sinnlich, Elfi. Nicht, als wolltest du ein Schlauchboot aufblasen.« Die Belustigung brachte Cimarons Stimme zum Vibrieren und ich öffnete ein Auge.

»Ich blase gleich was auf!«, zischte ich. »Halt gefälligst still, damit ich deinen Mund treffe und nicht aus Versehen meine Zunge in dein Nasenloch stecke.«

Cimaron lachte. »So etwas wurde mir noch nie gesagt.«

»Siehst du? Es gibt für alles ein erstes Mal.« Und bevor er noch weiter quatschen und ich noch weiter den Mut … äh, die Nerven (!) verlieren konnte, küsste ich ihn halt. Hach ja. War okay. Hmm… hm… so okay wie heiße Schokolade … mit einem Kleckschen Sahne. Und Schokostreuseln. Viiiiiiielen Schokostreuseln. Und diese winzigen Zuckerherzchen. Bunte Strohhalme. Luftschlangen. Karussellfahrten. Frühlingsschrei. Lachen aus vollem Hals. Leben ohne nachzudenken. Liebe. Dieser. Verdammte. Kuss. Schmeckte. Nach. Liebe. Scheiße. Noch. Mal!!!!! Schnell riss ich mich los. Dass wir uns gefühlt stundenlang anstarrten (mit Reh-im-Scheinwerferlicht-weiten Augen) wurde nicht einmal von Jens Asthmatiker-kurz-vor-Exitus-Räuspern unterbrochen. Das Lächeln, welches sich hartnäckig in Cimis Mundwinkel grub und dann von dort aus langsam über sein ganzes blödes Engelsgesicht strahlte, bis er an eine verkackte Glühbirne erinnerte (eine gigantische, 5000 Watt Lampe), verursachte ein schreckliches Gefühl in meinem Magen. Vielleicht konnte man, obgleich man tot war, in den Traum eines Lebenden kotzen? Falls ja, wäre nun ein guter Zeitpunkt. Ich würde niemandes Traum lieber vollkotzen, als den von Jen.

Ihr ging es offensichtlich ähnlich, denn sie drehte mit so verkniffener Miene das Glücksrad, dass mein Brechwunsch abebbte. Wahrheit prangte unter dem Pfeil. Jubel! Endlich!

»Was ist genau an Elfis letztem Abend geschehen?«, fragte Cimaron. 

Wie bitte? Wieso fragte er nicht, ob sie mich umgebracht hatte? Doch er hob warnend die Hand und aus irgendeinem Grund schwieg ich.

»Oh Gott, das willst du jetzt wieder hochkochen?«, motzte sie schlechtgelaunt. »Ich hab schon tausend Mal gesagt, dass sie einfach tollpatschig war. Erst hat sie sich den Tee drübergekippt, dann kam sie ausgerechnet in das Zimmer gestolpert, in dem Pablo und ich  es uns gemütlich gemacht hatten …«

Eine Erinnerung ploppte in meinen Kopf wie eine platzende Seifenblase.

»Der BANANENMILCHSHAKE!«, rief ich und Jen verzog verächtlich das Gesicht.

»Du warst wirklich unglaublich naiv, Elfichen.«

Cimaron sah neugierig zwischen uns hin und her.

»Ich hab die beiden erwischt«, erklärte ich unserem Showmaster. »Und sie hat behauptet, das weiße an ihrem Kinn …« Jetzt war mir doch wieder schlecht. »Du bist nicht nur eine Lügnerin und eine Betrügerin, du bist auch noch eine echte Schlampe!«, empörte ich mich.

»Halt den Mund!«, fauchte Jen. »Du wolltest Pablo doch nie ranlassen, weil du immer auf die große Liebe gewartet hast. Selbst schuld!«

»Aber deshalb muss man mich doch nicht gleich vom Hochhaus schubsen!«, schrie ich. Nun sah Jen mich an, als hätte sie eine GEISTERERSCHEINUNG. Ähm. Das hatte sie streng genommen ja auch, aber … egal. Sie sah jedenfalls super blöd aus der Wäsche. Ich spürte das Geständnis näher rücken und trippelte aufgeregt auf der Stelle.

»Du bist gesprungen, Elfi!«, sagte sie und dummerweise sah sie dabei sogar irgendwie traurig aus. »Ich gebe zu, ich war nicht die beste Freundin und ja, es ist echt viel Unschönes passiert, aber dass du dich deshalb gleich umbringen würdest …«

Im nächsten Moment wurden wir aus dem Traum katapultiert, weil Jen durch das Klingeln ihres Handys geweckt wurde. Ich hatte keine Lust mehr, noch länger in ihrem Zimmer herumzuhängen und schwebte zielstrebig durch die Mauer auf die Straße. So abgelenkt war ich, dass ich mich nicht einmal über meinen Flugerfolg freuen konnte. Cimaron brauchte zu meinem Ärger etwas länger, bis er endlich auftauchte. Womöglich hatte er noch in Jens halbnacktem Anblick geschwelgt, dieser notgeile Dackel.

Er kaute auffällig. »Auch ein Stück LIEBESKNOCHEN, mein Lieblingsknorpelchen?« Ich konnte ihn nur anstarren. Hunde und Engel! Höchstens ein Gen Unterschied, ganz sicher!

»Wie kannst du jetzt essen? Ich bin immer noch ganz …«

»Aufgewühlt? Das kann ich verstehen. Wenn man sich das erste Mal so richtig verliebt … gerade, wenn man sich für die große Liebe aufgespart hat–«

»Angewidert wollte ich sagen.«

»Wir sollten das jetzt nicht schleifen lassen, Zwölfi«, fuhr er ungeachtet meines Einwands fort. »Du hast bereits einen Fuß in Ebene 2. Dein Kuss war absolut perfekt. Noch eine Sekunde länger und ich –«

»Pass mal auf, Lingling! Wenn du nicht willst, dass ich deine Liebesrippchen zu einem XYLOPHON verarbeite, auf dem ich dann den lieben langen Tag das Lied vom Tod spielen werde, wirst du mich schön brav auf Ebene 1 belassen, und zwar so lange, bis ich hier fertig bin, klar?«

Da war es wieder, das Grinsen. »Ich bin wirklich scharf auf dich, wenn du mir drohst. Das hat so etwas Wildes, Unbezähmbares. Ganz anders als die älteren Generationen … die mögen es immer–«

»Stopp!«, schrie ich. »Lieber knutsche ich noch einmal mit dir, als deine Oma-Sex-Stories mitanhören zu müssen!«

1 Kommentar

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein