Kuntergraudunkelbunt, Spielshow, Feigenbaum, Schokorosinen, Hausschuhe

»Verstehst du denn nicht, was das für dich bedeutet?«, fragte er.

»Außer der erfreulichen Tatsache, dass es schnell vorbei ist?«

»Unerfreulich. Und nein. Es bedeutet, dass ich dich so schnell sieben Ebenen höher konvertiert hätte, dass du gar keine Zeit für Widerspruch gehabt hättest … wenn ich gewollt hätte.«

»Ich hör nur konsterniert.«

»Konvertiert. Elfi, ich wollte Zeit mit dir verbringen, nur deshalb sind wir hier.«

»Aha. Ich fühle mich geehrt«, innerlich klopfte ich mir für meinen äußerst ungeehrten Tonfall auf die Schulter. »Wäre es da nicht angenehm, diese in meiner zufriedenen Gesellschaft zu verbringen?«

»Ich habe durchaus überzeugende Mittel, dich vollkommen zu befr–«

»Danke, Cimi. Nein. Ich spreche von In-di-zien! Hilf mir, meinen Mord aufzuklären und ich wäre überaus … überaus befriedigt. Möglicherweise so befriedigt, dass ich gar nicht mehr anderweitig siebenmal –«

»Das wollen wir doch nicht hoffen!«, fiel er mir ins Wort. »Aber meinetwegen. Es riecht wirklich faul, was deine sogenannten Freunde da veranstalten. Vielleicht wird es ja amüsant. Ich weiß sogar schon, wie wir der lieben Jess auf die Schliche kommen.«

»Jen.« Irgendwie freute es mich, dass Cimaron meinen Namen vom ersten Moment an behalten hatte (mit Ausnahme von Dumbo), sich Jens Namen aber nicht merken konnte. »Erleuchte mich bitte.«

Er selbst leuchtete vor lauter Selbstverliebtheit. »Träume!«

»Ähm …«

»Natürlich, Schatzifant. In Träumen verrät man sich nur zu leicht.«

»Schön. Und wie gedenkst du, Jen dazu zu bringen, uns ihre nächtlichen Beichtstunden mitzuteilen?« Sarkasmus troff aus meinen Worten.

»Na, selbstverständlich springen wir in ihren Traum. Ist doch logisch.«

Meine Arme flogen hoch. Es war nur seiner Warp-Geschwindigkeit zu verdanken, dass mein Handrücken kein Cimi-Nasenbein-Tackling verursachte. »Na loooogisch! War ja klar, dass wir in Träume hopsen können!« Vor allem war es unangenehm. Die Vorstellung, dass meine verstorbene Oma einen meiner nicht ganz jungendfreien Pablo-Träume ausspioniert haben könnte … Nein! Zum Glück hatte Cimi meine Oma ja in Wirbelsturmgeschwindigkeit siebenmal korrumpiert … äh … kopuliert. Urgs. Vielleicht dachte ich doch lieber gar nicht an Oma?

»Keine Angst, Elfifant. Ich passe auf, dass dir nichts passiert.«

Meine Kehle verengte sich. »Wieso? Ist es etwa gefährlich?«

»Höchstens ein bisschen, wenn man nicht aufpasst und stecken bleibt oder ….« Er nuschelte etwas vor sich hin. Fragend hob er das angebrochene Kondompäckchen in die Höhe. »Sollen wir uns ein wenig ablenken, bis Dornröschen in Schlaf fällt?«

Zum Glück konnte ich verhindern, zu viel über sein Angebot nachdenken zu müssen, da Pablo Jen offensichtlich ziemlich ermüdet hatte und sie früh zu Bett ging. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich darüber einmal froh sein würde. 

Nachdem sie eingeschlafen war, warteten wir noch eine unendliche Weile in der Dunkelheit. Während mich Cimarons Atemzüge nervten (konnte er nicht wenigstens schnarchen? Wieso atmete er überhaupt?) und der Kontakt unserer Haut mich wahnsinnig machte (wo waren Aknekrater und Schweißgeruch, wenn man sie mal brauchte?), fingen Jens Augenlider endlich an zu flattern, als Zeichen, dass sie einen Traum hatte (zumindest laut dem atmenden, nicht schwitzenden Traumspezialisten an meiner Seite). Cimaron erklärte mir, wie ich mich in einen Träumenden hineinversetzen konnte, und obwohl ich mehrfach das Gefühl hatte, von ihm verarscht zu werden, machte ich brav alle Atemübungen (»Brust weiiiiit herausstrecken«), Hüftkreisen (»für den knackigen Po« zwinker, zwinker – würg, würg) und Zungenlockerungsübungen (Okay. Hier war ich mir sicher, dass das nicht zum Traumspionageprogramm gehörte!). Dann musste ich mich quasi auf Jen legen und Cimi lag mit seinen zweitausend Tonnen auf mir, sodass ich beinahe ein wenig Mitleid mit der armen (pfannkuchenplatten) Jen bekam, bevor mir einfiel, dass wir vermutlich nichts wogen. Cimi ließ mich wieder die Atem-Kreis-Zungen-übungen machen, und vor lauter Geknut– öhm… konzentrierter Übungen hätte ich beinahe verpasst, wie wir, einfach so, in den Traum rutschten. Als ich mich atemlos und wundgeküsst von Cimi löste, war um mich herum alles irgendwie KUNTERGRAUDUNKELBUNT. Also eigentlich bedrohlich schwarz weiß, mit lauter bunt blinkenden Spielcasinoautomaten.

»Ha! Das ist der Beweis. Mörder träumen bestimmt schwarz-weiß!«, rief ich.

»Das ist Blödsinn. Außerdem ist es doch ganz bunt hier.« Cimi lehnte an einem Flipperautomaten.

Jen kam um eine Kurve und verzog das Gesicht bei meinem Anblick. »Du schon wieder.«

Etwas gekränkt schnappte ich: »Ja, ist ja schon so lange her, seit du mich umgebracht hast.«

»Das sagst du immer«, war ihre Antwort, ehe sie sich Cimaron zuwandte. Schlagartig war sie freundlicher. »Sind Sie der Showmaster?«

»Richtig erkannt. Und das ist deine Gegenspielerin in der berühmten Pflicht-oder-Wahrheit-SPIELSHOW«, schoss Cimaron ohne zu blinzeln zurück.

Jens Ausdruck bekam etwas hündisches, als sie Cimaron anhechelte. Oh Gott. Gleich würde sie ihn anschlabbern und an seinen Schlappohren kauen. Und da Cimaron ein verkappter Hund war, würde er garantiert mit dem Schwanz wedeln.

»Ich will aber nicht gegen sie spielen«, jammerte Jen gerade. »Sie ist immer so eine Spaßbremse.«

»Ist mir auch schon aufgefallen!«, raunte Cimaron ihr vertrauensselig zu. Von Hund zu Hund, da bestand sofort ein Draht. Klar. Ich kotzte still und heimlich in mich hinein.

Ein Glücksrad ratterte und Pflicht prangte unter dem Pfeil. Zwei Augenpaare fixierten mich. »Elfi? Du musst dich ausziehen.« Schmunzelte Cimaron da?

»Was? Etwa ganz? Wer macht hier eigentlich die Regeln, du etwa?«, schnappte ich.

»Wenn sie es nicht macht, mache ich es gern. Das will bei ihr doch sowieso keiner sehen«, hechelte Jen. Wer hätte das gedacht? Augenrollalarm.

Cimaron deutete auf einen FEIGENBAUM, der soeben aus dem Casinoboden wuchs. »Du darfst deine heikelsten Teile bedecken.«

»Ist das ihr Albtraum oder meiner?«, empörte ich mich.

»Meiner«, beharrte Jen. »Wenn es kein Albtraum wäre, wäre ich allein mit ihm.«

»Reicht dir Pablo etwa nicht?«, fuhr ich auf, aber Cimi nahm mich rasch beiseite.

»Du willst doch ein Geständnis. Also spiel gefälligst mit und greif sie nicht ständig an.«

Ich? Griff? Sie? An? Das war ja wohl ein schlechter Scherz! Wenn überhaupt griff sie mich an. Ständig. Seit wann durften Mörder das? Post mortem ihre Opfer schlechtzumachen grenzte ja an … keine Ahnung, wie man das nannte. Ich schnaubte und klebte (zum Glück sehr klebrige) Feigenblätter auf meinen Busen und Schritt, ehe ich aus meinen Kleidern schlüpfte. 

Jen verzog den Mund. »Etwas Sport, Elfi …«

Ich lächelte zuckersüß. »Nimm dir doch eine von diesen köstlichen SCHOKOROSINEN, Jen. Die erinnern mich immer daran, wie du mal im Solarium eingeschlafen bist. Weißt du noch? Hmmm… schrumplig und braun … wie ein alter Kackhaufen.«

Ihr Auge zuckte. »Dein Humor war schon immer zum Kotzen.«

Cimi klatschte in die Hände. »Meine Damen. Können wir weiterspielen? Jen ist dran.«

Damit war bewiesen, dass er sich sehr wohl an ihren Namen erinnerte. Und noch mehr wurde mir schlagartig klar. »Du hast behauptet, nicht lügen zu können!«

»Und?« Er wurde nicht einmal rot. »Das war natürlich eine Lüge.«

Ich schnappte nach Luft. »Du hast gelogen, nicht lügen zu können?« 

Cimaron zuckte mit den Achseln. »Was ist dein Problem?«

Was mein Problem war? Er hatte gesagt, dass er mich gern hatte. Sehr gern. Und dass es die Wahrheit war, weil er nicht lügen konnte. Dabei hatte er gelogen. Vermutlich mit allem.

Ich wandte mich ab, um meinen verletzten Blick zu verbergen. Jen hatte unseren kurzen Schlagabtausch genutzt, um ihre Pflichtübung umzusetzen. Nun war sie splitterfasernackt, bis auf ein paar plüschiger Häschen-HAUSSCHUHE. Würg. Dreifachwürg! Es war definitiv mein Albtraum und nicht ihrer.

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