Dramaqueen, Weihnachtslichterkette, Frustessen, Knetradiergummi, Fluchtpunkt.

»Bei meinem …« Cimarons Augenbrauen drohten über seine hohe Stirn hinauszurutschen. Wie bei diesen Comicfiguren, die – »Chef?«

»Gott! Ist das nicht dein Boss?«

Einen Augenblick lang wirkte er wirklich fassungslos. Dann lachte er aus vollem Halse. »Du willst mich bei Gott verpetzen?«

»Was ist daran so witzig? Garantiert ist er nicht begeistert darüber, was für ein perverser …«

»Er ist Gott.«

»…kuchensüchtiger …«

»Der Allmächtige.«

»…arschiger Arsch …«

»Elfi, du kannst dich nicht bei Gott beklagen, weil er für solche Kleinigkeiten überhaupt keine Zeit hat. Ich habe ihn selbst noch nie getroffen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht mal, ob er wirklich existiert. Außerdem wäre er sehr zufrieden mit meiner Arbeit, immerhin passe ich sehr gut auf dich auf.«

»Das glaubst du auch nur, weil du so wahnsinnig selbstüberzeugt bist«, schnappte ich.

»Es gibt keinen Grund an mir zu zweifeln.« Cimaron warf sich in die Brust.

»Ich möchte ja nicht die DRAMAQUEEN in dir wecken, Cimilein, aber wir passen leider überhaupt nicht zusammen.«

»Wir sind wie geschaffen füreinander. Spürst du nicht die Chemie zwischen uns?« Seine Augen leuchteten auf wie eine ganze WEIHNACHTSLICHTERKETTE, während er meine Hand nahm und mir vermutlich ein Dreißig-Sekunden-Virus übertrug, zumindest spürte ich ein sehr unangenehmes Ziehen im Magen.

»Was Dich betrifft, würde ich auf Hunger tippen. Was mich anbelangt, handelt es sich um den dringenden Wunsch, die Wahrheit über meinen Mörder herauszufinden. Worin. du. mich. behinderst.«

»Wir sind das perfekte Paar«, fuhr Cimi ungehindert fort. »Romeo und Julia.«

»Na immerhin sind die auch tot. Ich würde uns eher mit Bud Spencer und Terence Hill vergleichen.«

»So dick bist du auch wieder nicht.«

Ich schnaubte. »Aber du bald, wenn du weiterhin im Unverstand Teilchen in dich hineinschaufelst.«

»Das ist nur FRUSTESSEN, weil du dich so gegen das Unausweichliche wehrst. Es war eine Zeitlang amüsant, aber nun wünschte ich, wir könnten endlich …«

»Jen bespitzeln. Gute Idee. Flieg mich zu dem Fenster da hoch, da ist ihr Zimmer.«

Er folgte meinem ausgestreckten Zeigefinger und schob die Unterlippe vor. Warum zum Teufel löste das in mir den Wunsch aus, diese trotzig aufgeworfene Lippe zwischen meine zu saugen und daran herumzuknabbern, bis … »Flieg doch selber.«

Ich hatte Lust, ihn zusammenzustauchen wie einen KNETRADIERGUMMI, aber er ließ sich schließlich tatsächlich dazu herab, mich hinaufzufliegen. Nur wie! Anstatt mich einfach irgendwie hochzuheben, plazierte er mich vor sich und beharrte darauf, dass ich meine Beine um seine Hüften und die Arme um seinen Hals schlingen müsste, da er sonst das Gleichgewicht verlieren würde. Und wo waren seine Hände? Natürlich mussten die meinen übergroßen Bud-Spencer-Arsch stützen.

»Wegen dem Gleichgewicht«, höhnte ich.

»Des Gleichgewichts. Wirklich Elfi. Ohne Genitiv kann ich dich nicht für voll nehmen.«

»Es fühlt sich aber so an, als würdest du mich gerade voll nehmen.«

Sein Grinsen war das pure Böse. Engel? Pah, er war direkt aus der Hölle gekrochen. Vielleicht wollte er mich gar nicht ins Himmelreich, sondern ins Fegefeuer befördern. Waren Selbstmörder nicht eigentlich für den Himmel tabu? Aber ich war ja gar kein Selbstmörder, warum begann ich jetzt schon selbst an mir zu zweifeln? Es musste an seiner Nähe liegen. Dieses ganze Geklammer und Gefummel machte mich ganz schwummerig und außerdem wusste ich gar nicht mehr, warum ich eigentlich … Oh Gott, küsste er mich gleich? Musste er sich nicht aufs Fliegen konzentr– rollig, äh drollig? Nein, prollig. Wollig? Ja, seine Haare waren irgendwie … was machten diese Lippen da an meinem Haaaaaa… 

Vakuum.

Jep. Mein Gehirn war leer. Während Cimi an meinem Hals herumsaugte, verloren meine tapferen Gehirnzellen den Kampf gegen die Blödmachhormonarmee. Massensuizid in meiner Schaltzentrale. Wie Lemminge sprangen sämtliche graue Zellen vom … ähm … Rückenmark? Gott, ich war so durcheinander, ich konnte überhaupt nicht mehr klar denken.

Zum Glück riss Jen in dem Moment ihr Fenster auf und wäre Cimaron kein Engel und nicht irgendwie substanzlos, hätte sie ihm vermutlich die Wirbelsäule gebrochen. So aber unterbrach er noch nicht mal seinen Kuss, als die Fensterkante in ihn hineinrauschte.

Mich traf die Attacke jedoch mit voller Wucht in die Magengrube, was ich mit einem uneleganten Umpf-Laut kommentierte, der sogar Chow-Chow-Cimi aus der Sabberei riss.

Jen starrte durch mich hindurch auf einen FLUCHTPUNKT hinter meinem linken Ohr.

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