Juckpulver, TV-Duell, Sternenstaub, Bärenklau, Elefantenrüssel.

Fast von selbst fand meine Hand den Weg in seine Hosentasche und ertasteten tatsächlich einen faustgroßen Riss im Futter. Innerlich schüttelte ich den Kopf, aber äußerlich zwang ich mein verruchtestes Lächeln auf meine Lippen. Zum Glück war Cimaron in seiner Selbstbeweihräucherung entgangen, wie ich nebenbei im Verborgenen Hagebutten auseinandergepult hatte – ein erster Sieg über die physikalischen Regeln der Lebenden. Ich war eigentlich ziemlich stolz auf mich, auch wenn es noch ein weiter Weg bis zum Fliegen war. Seine Augen weiteten sich, als meine Hand todesmutig in das Hosentaschenloch vordrang. Die Haut darunter war zart und warm und einen winzigen Augenblick lang verharrten meine Fingerspitzen unsicher. Dann öffnete ich die Faust und presste die behaarten Samenkörnchen gegen Cimarons Leiste.

Seine Augen erinnerten an Untertassen. »Was zum –« Er sprang zurück. 

Kichernd schüttelte ich die Hand aus. »Glaub mir, der einzige Grund, weshalb ich dorthin fassen würde …« bedeutungsschwer senkte ich meinen Blick auf seinen Schritt. Er begann auf der Stelle zu trippeln und riss sich schließlich ungeduldig die Hose auf. Verdutzt begutachtete er die feinen Körner, nachdem er die Hand wieder aus dem Bund gezogen hatte. 

»… ist, um da eine Handvoll JUCKPULVER zu deponieren. Na? Angenehm?«, schloss ich triumphierend.

Cimarons Augen blitzten auf. Obwohl ich automatisch einen Schritt zurückwich, gelang es ihm natürlich, mich einzuholen und gegen die nächste Hauswand zu pressen. Die Hose war immer noch offen (!).

»Spielen willst du? Alles klar, ich kann es kaum erwarten, Samen bei dir dort unt–«

»Denk dir gefälligst was eigenes aus!«, unterbrach ich ihn hastig. »Das mit den Samen ist doch ziemlich ausgelutscht.«

»Ausgelutscht wäre auch eine Möglichkeit.«

»Musst du mir immer das Wort im Mund herumdrehen? Wir sind doch nicht beim TV-DUELL?« Ich stemmte mich gegen seine Brust, was ihn keinen Millimeter zurückweichen ließ.

»Ich drehe dir gerne etwas anderes im Mund herum.«

»Und ich dir gerne den Hals.« Mit einer Geste brachte ich ihn zum Schweigen. Endlich rückte er ein Stück ab. »Komm jetzt Rex. Du kannst deine Spürnase zur Indiziensuche einsetzen.« Eilig wandte ich mich ab, um meine heißen Wangen zu verbergen.

»Was ist denn dein Plan?«, fragte Cimaron, während er sich in aller Seelenruhe die Hose zuknöpfte. Ich ärgerte mich darüber, dass das Juckpulver seinen raubtierhaften Gang keineswegs beeinflusste. Seine Hände hingen locker an den Seiten, nicht einmal die Finger zuckten. Waren Engel immun gegen Juckreiz? 

»Ich finde heraus, was an meinem letzten Abend passiert ist. Meine letzte klare Erinnerung ist, dass Jen und ich auf eine Party gingen, wo ich hoffte, Pablo zu treffen …«

»So bist du ausgegangen?« Missbilligend streifte sein Blick meine Jeans und das Grinsekatzen-T-Shirt.

»In weniger nass. Was dagegen?«

Er zuckte die Achseln. »Kein Wunder, dass er sich an deine Freundin rangemacht hat.«

»Wie bitte?« Ich hatte schon wieder gute Lust, seinen Kopf in eine Pfütze zu drücken, aber vermutlich war das sinnlos, da er sowieso nicht atmen musste.

»Na ja. Das T-Shirt wirkt nass sogar noch einen Hauch interessanter als zuvor, wenigstens kann man nun erahnen, dass du Brüste besitzt. Aber diese schlabberigen Arbeiterhosen …«

»… Nennen sich Jeans. Arbeiterhosen? Ehrlich Cimi, seit wann verrottest du nun schon in deiner Gruft … Ach egal, sag mir lieber, wie ich wieder trocken werde! Ich will dein schmutziges Gehirn nicht noch zusätzlich inspirieren«, forderte ich aufgebracht.

»Hoffnungslos.« Cimaron grinste heimtückisch.

Ich dachte an den Tropenwind, dem er seinen Namen verdankte und wünschte mir, er würde durch meine Kleider fahren. Fast konnte ich es bildlich vor mir sehen, wie dieser warme, durchsichtige Cimaron-Wind mir über die Haut strich. Als ich die Augen aufschlug, war ich trocken. Sein Grinsen war mittlerweile bis zu den Ohren gewachsen. Vermutlich war die Nässe durch meine überdimensionale Körperhitze aus den Klamotten verdampft, denn mein Gesicht glühte wie ein Heizofen. Ich räusperte mich. Wenn Trocknerspielen und Hagebuttenpulen funktionierte, konnte ich nun bestimmt auch fliegen. Vorsichtshalber versuchte ich es lieber erst einmal mit Bodenhaftung. Als ich mit der Geschwindigkeit einer U-Bahn die Straße entlangsauste, rief ich: »Schluck meinen STERNENSTAUB, Cyclone«, über meine Schulter.

Selbstverständlich hielt er mühelos mit mir Schritt. Er verzog spöttisch den Mundwinkel. »Bravo. Als nächstes lernst du vielleicht sogar, eine Zeitung aufzufalten!«

»Erinnere mich daran, dich anstelle von einer kleinen Juckpulvereinreibung das nächste Mal in ein Feld BÄRENKLAU zu schubsen.«

Er lachte. »Denkst du ernsthaft, ich bekomme von so einem Wiesenkraut Ausschlag? Wenn ich nicht will, dass es mich juckt, juckt es mich nicht.« Er fummelte wieder an meinen Haaren herum, was mich so langsam echt auf die Palme brachte. Musste er sich nicht wenigstens darauf konzentrieren, nicht in eine Mauer zu rasen?

»Und wenn ich nicht will, dass du mich antatschst, beiße ich deine Finger ab.« Abrupt machte ich kehrt und raste zurück, was ihn leider keine Sekunde aus dem Tritt brachte.

»Ich dachte, du seist Vegetarier. Kann ich aber verstehen, dass du bei mir schwach wirst. Ich bin nun mal zum Anknabbern.«

»Lieber würde ich ein getrocknetes Hundehäufchen anknabbern als dich.«

»Darum hast du auch so gierig deine Hand in meine Hose gesteckt. Leugne es, so lange du willst, Elfilein, aber ich weiß, was du wirklich willst.« Seine Hand glitt in die verflixte Lochhosentasche.

»Hör mal, so tief war ich gar nicht drin. Wenn du keinen ELEFANTENRÜSSEL anstelle eines … Linglings im Feinripp versteckt hast, hätte ich da gar nicht drankommen können.« Musste ich jetzt schon wieder rot werden? Ich war tot verdammt noch mal. Tot! Warum nicht blass und tot, sondern rot und tot?

»Hmmm …« Cimaron musterte mich neugierig. »Würde dir so ein grauer, schrumpeliger Rüssel tatsächlich besser gefallen als ein rosiger, faltenfreier Engelsp–«

»Cimaron, es reicht! Keine weitere Diskussion über Geschlechtsteile oder ich beschwer mich bei deinem Chef über dich!«

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