Segelohren, Bratpfanne, Racheengel, Hexenschuss, Mausebärchen

Er lächelte liebevoll, während er mir eine windzerzauste Haarsträhne aus der Stirn strich. »Dennoch machen mich deine süßen kleinen SEGELOHREN wahnsinnig.« 

Ka-wumm. Danke, Realität, für den Schlag ins Gesicht. Mein verklärtes Gestammel war ja nicht auszuhalten gewesen.

»Segel–«

Er nickte eifrig. Hatte ich liebevoll gesagt? Ich meinte natürlich treudoof wie ein Bernhardiner. »Ich habe eine Schwäche für körperliche Makel, wie du ja weißt, besitzen wir Engel keine. Darum macht mich alles unperfekte total …« Er räusperte sich. »Was dagegen, wenn ich dich Dumbo nenne?«

»Was dagegen, wenn ich austeste, wie dein Gesicht in einer BRATPFANNE aussieht?«

»Bist du jetzt etwa sauer?« Seine Augenbrauen (zupfte er die eigentlich? Garantiert. Kein Härchen sprießte in die falsche Richtung. Im Geiste schmiedete ich Pläne, seine Epilierpinzette unter Starkstrom zu setzen.) bildeten spitze Dächer über den erstaunt geweiteten Augen.

»Neeeeein! Ich liebe es, auf meine Unperfektheit und Mängel hingewiesen zu werden.«

»Ich weise dich ja nicht hin, ich sage dir, dass ich dich unter anderem dafür begehre.«

»Ahnst du, was ich begehre?«, fragte ich mit honigsüßem Grinsen.

»Ich vermute, bedauerlicherweise hat es nichts mit meinem gottgleichen Allerwertesten zu tun, dafür umso mehr mit einem zertrümmerten Nasenbein.«

»Immerhin bist du lernfähig«, schloss ich angenehm überrascht.

»Allerdings muss ich dich darauf hinweisen, dass es dir postmortem nicht erlaubt ist, den RACHEENGEL zu spielen. Du darfst keine Lebenden verletzen. Das zu verhindern ist unter anderem eine meiner Aufgaben.«

Erstaunlich, wie geschickt er davon ablenkte, dass ich von seinem gebrochenen Nasenknochen und nicht dem meines untreuen Exfreundes sprach. Doch viel wichtiger war die Information, die er mir sicherlich nicht hatte geben wollen und die ihm da gerade einfach entwischt war.

»Wie bitte? Du bist gar nicht hier, weil du mich auf die nächste Ebene vög–« Im letzten Moment verkniff ich mir, was ich hatte sagen wollen, weil es nur unerträgliche Bilder in meinen Kopf beförderte. »Du bist also nichts weiter als mein hässlicher Wachhund?«

»So würde ich es jetzt nicht ausdrücken …«

»Wie willst du verhindern, dass Pablo nicht aus versehen in einer Kläranlage ersäuft, Fifi?«

Er runzelte die Stirn. »Warum heulst du ihm überhaupt hinterher? Du kannst viel Schöneres haben als diesen Möchtegernheißblüter.« Cimaron besaß die Dreistigkeit, auf seinen gestählten Körper zu deuten. So langsam musste ich zugeben, dass seine Im-Tod-kann-man-nicht-kotzen-Regel wohl doch zutraf, sonst wäre ich hier längst zu einer Art Dauerspeier geworden.

»Ich heule nicht, ich will ihn leiden sehen. Außerdem ist ja wohl mitlerweile klar, dass er und Jen mich umgebracht haben.«

Cimaron seufzte erdtief. »Nicht das schon wieder. Wahrscheinlich hast du die beiden im Bett erwischt und dich danach vom Wolkenkratzer gestürzt.«

Ich schnaubte. »Da sieht man mal, wie schlecht du mich kennst. Hätte ich die beiden beim Sex erwischt, hätte ich sie – mitsamt den dreckigen Laken – vom Hochhaus geworfen, nicht mich.«

»Dann wärst du aber nicht tot, du hättest höchstens einen HEXENSCHUSS.«

»Was lediglich meine Theorie unterstreicht.«

Cimaron linste mich von der Seite an. »Wahrscheinlich hast du recht.«

Meine Füße zementierten sich von selbst in den Asphalt. Er gab nach? Da stimmte doch garantiert etwas nicht. Gerade noch verhinderte ich das Aufklappen meines Mundes. Er nickte ernsthaft. »Ich weiß jetzt, was passiert ist. Du wolltest dich gar nicht umbringen. Es war ein tragischer Unfall. Du wolltest doch nur …« Sein Arm legte sich fest um meine Schultern und ich verpasste beinahe den Rest des Satzes, weil ich mich so unglaublich darüber ärgern musste, wie gut es sich anfühlte. »… fliegen lernen … Dumbo.« Blitzschnell wich er meinem tödlichen Ellenbogen aus. 

»Jetzt pass mal gut auf, MAUSEBÄRCHEN. Da du mir ja nun die winzige Kleinigkeit verraten hast, dass du nur mein Schoßhündchen bist, spitz die Öhrchen, Fifilein. Ich gehe jetzt zurück zu Jen und finde heraus, was in meiner letzten lebendigen Nacht passiert ist – und du wirst mitkommen. Nicht, weil ich es möchte, sondern weil du es musst. Ich garantiere dir nämlich, dass ich Jen sonst sehr … sehr, sehr, sehr wehtun werde.«

»Das kannst du gar nicht, du weißt ja nicht wie …«, murmelte Cimaron, woraufhin ich ihm einen Zeigefinger in die Brust rammte.

»Dann zeigst du mir eben, wie. Ich muss sowieso lernen, zu fliegen, Türen zu öffnen und so weiter.« ‚Und so weiter‘ stand übrigens für: ‚Engel kastrieren‘. Cimaron sah so aus, als könnte er mir meine Gedanken von der Nasenspitze ablesen und seine Hand glitt unauffällig in seine strategisch günstige Lochhosentasche. 

»Nenn mir nur einen Grund, weshalb ich so etwas tun sollte«, brummte er unwillig.

Ohne es sehen zu können, wusste ich, dass mein Grinsen bösartig war. »Ach, weißt du was, ich zeige es dir lieber …«

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