5wft Episode 15: Asphaltblues

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    Wintersport, Tatsachenbericht, Klettersteig, Apokalypse, Einhornwahn.

    Im letzten Moment verkniff ich mir ein empörtes Luftschnappen. Warum wunderte ich mich überhaupt? Selbstverständlich hatte Cimaron – der Schnüffel-Chow-Chow mir hinterherspioniert und jede peinliche Bauchlandung mitangesehen.

    »Da sieht man mal wieder, wie wenig Ahnung du von irdischem Leben hast.« Jetzt redete ich schon selbst wie ein zugekokster Engel. Cimaron färbte definitiv ab. »Das waren keine Flugversuche. Ich habe trainiert.« Stolz reckte ich das Kinn.

    »Aha. Für Karneval? Als was gehst du? Als Teppich? Flachliegen kannst du schonmal. Wo wir gerade beim Thema flachleg–«

    »Skispringen«, schoss ich triumphierend dagegen. »Wenn man zu lange nicht übt, verlernt man die optimale Gleitposition ganz schnell.«

    »Gleit…« Cimaron sah aus wie ein Dreijähriger vor dem Weihnachtsbaum. Das gefiel mir überhaupt nicht. 

    »…Position. Das wüsstest du, wenn du anstelle schlechter Seifenopern ab und zu WINTERSPORT geschaut hättest.«

    Cimaron biss sich sichtbar auf die Innenseite der Wange. »Ich will dich nicht desillusionieren, Elfi, aber dein Busen könnte hinderlich sein. Erdanziehungskraft …«

    So hart ich konnte, schlug ich ihn gegen seine aufgeblasene Stahlbrust. »Behauptest du gerade etwa, ich hätte Hängebrüste?«

    »Dass große Brüste der Schwerkraft folgen ist lediglich ein TATSACHENBERICHT.«

    »Ich berichte auch gleich mal von einer Tatsache. Nämlich, wie sich die Schwerkraft auf eingetretene Engelshoden auswirkt.«

    Cimarons Grinsen bekam etwas Angestrengtes und ich klopfte mir innerlich auf die Schulter.

    »Hast du jetzt genug gesehen? Können wir uns nun wieder … vergnüglicheren Tätigkeiten zuwenden?« Schob er seine Hand da tatsächlich schützend durch das strategische Loch in der Lederhose?

    »Einer Wurzelbehandlung?«, schlug ich vor, woraufhin er mit den Augen rollte. »Ernsthaft, Cimi, jetzt geht die Recherchearbeit doch erst los. Nachdem wir uns davon überzeugen konnten, dass sowohl meine beste Freundin, als auch mein –« Ich brach ab, weil mir keine passende Bezeichnung für Pedro einfiel. Beinahe-Boyfriend? So-gut-wie-sicher-Entjungferer? Einziger-Küsser?

    »Sacklausbefallener Möchtegernvögler?«, kommentierte Cimaron trocken.

    »Inkontinenter Analfurunkel.«

    Cimaron nickte beeindruckt. »Es sah aus, als würde er ihr ins Gesicht beißen.«

    Ich musste lachen. »Er ist wirklich kein besonders guter Küsser …« Verdammt, warum musste ich jetzt ausgerechnet zu diesen sinnlichen Engelslippen hinaufglotzen, so als hätte ich gerade Pedro-ich-kann-mit-meiner-Zunge-deine-Nasennebenhöhlen-ausfahren und Cimaron-warum-bekomme-ich-allein-beim-Gedanken-an-deinen-Mund-weiche-Knie miteinander verglichen? Weil ich es hatte.

    »Kann ich mir gar nicht vorstellen …«, murmelte Cimi und beugte sich zu mir herunter. Seine Lippen streiften meine jedoch nur, dann verzogen sie sich zu dem triumphierendsten Grinsen, das die Totenwelt je gesehen hatte. »Gewonnen!«, rief er.

    Ich blinzelte betont langsam. »Und was? Einen kostenlosen Eintritt auf den Allgäuer-Käse-KLETTERSTEIG?«

    »Ich habe dir gesagt, in einer Stunde willst du, dass ich dich küsse.« Er breitete die Arme aus, wie um sein Statement zu unterstreichen. Zwar hatte er recht, aber ich hatte in letzter Zeit ebenfalls einiges von ihm gelernt. Cimaron war hoffnungslos selbstüberschätzt – und das würde ich nun gegen ihn einsetzen.

    Ich trat also einen Schritt näher, verdrängte die Empörung aus meinem Gesicht, schlug die Augen erst nieder und dann laaaaaaangsam auf. »Weißt du …« In Zeitlupe leckte ich mir über die Unterlippe. Cimarons Augen verfolgten meine Zungenspitze wie hypnotisiert. »Ich bin es tatsächlich leid, dagegen anzukämpfen.«

    »Dann lass es«, säuselte er undeutlich und beugte sich schon wieder zu mir herunter. »Vertrau mir. Es wird schön für dich werden. Du wirst nichts bereuen.«

    Ich legte die Hand in seinen Nacken und spielte mit den Fingerspitzen in den weichen Haaren, woraufhin er noch näher kam. »Weißt du, wonach sich das für mich anhört?«, raunte ich. Das Atemlose war weit weniger gespielt, als ich es zugegeben hätte, aber das musste er ja nicht wissen.

    Das Grübchen in seinem Mundwinkel vertiefte sich. »Ich denke schon. Möchtest du es lieber romantisch-kuschelig haben oder wild und feurig?«

    »Ah, wild und feurig passt glaube ich besser.« Ich musste mir das Lachen verkneifen, als seine Augen überrascht aufblitzten.

    »So hätte ich dich gar nicht eingeschätzt. Gleich hier auf der Straße also? Alles klar, Elfi, dann …«

    »APOKALYPSE!«

    Er zuckte etwas zurück. »Wie bitte?«

    »Am Arsch, wie-bitte-mich-nicht! Du bist die verkackte Apokalypse, du Scheißkerl. Ich habe gerade mitangesehen, wie meine beste Freundin und mein Exfreund« (auf einmal war es gar nicht mehr so schwer, ein passendes Wort zu finden, auch wenn es nicht ganz korrekt war) »sich gegenseitig vernascht haben, obwohl mein toter Körper noch nicht einmal ganz kalt ist. Das ist ein knallhartes Mordmotiv, Cindy. Und du hast nichts besseres zu tun, als meinen kurzen Moment der Schwäche auszunutzen, um mich auf die fucking-nächste-Scheißebene vögeln zu wollen? Du würdest mir allen ernstes meine Jungfräulichkeit in einer beschissenen Sackgasse rauben, nur damit du endlich deinen dämlichen Job erledigt hast und mich loswirst? Geht es eigentlich noch erbärmlicher?«

    Einen Augenblick lang sah Cimaron noch so aus, als wolle er rechthaberisch über mein versehentlich herausgeplatztes Jungfrauengeständnis herziehen, dann wandelte seine Miene plötzlich von arrogant zu butterweich. Das war noch viel schlimmer und machte mich noch wütender, sodass ich anfing, auf ihn einzudreschen. Dieses Arschloch wehrte mich nicht einmal ab, was mich so in Rage brachte, dass ich vermutlich nie wieder damit aufhören konnte, ihn zu verprügeln.

    »Nicht weinen, Elfi. Das ist Sabber-Paolo nicht wert.«

    »Pablo. Und ich weine nicht.«

    »Do–« Er war offenbar schlau genug, mir nicht zu widersprechen. »Komm her.«

    »Vergiss es. Du willst mir ja nur ans Jungfernhäutchen.«

    »Stimmt. Aber du verkennst meine Gründe. Ich will dich keineswegs nur auf die nächste Ebene vögeln. Elfi.« Er fasste meine Handgelenke. Resigniert hielt ich inne. Vermutlich hatte er mit seinen doofen Muskeln sowieso keinen meiner Schläge gespürt. »Ich werde nicht zulassen, dass du diese Welt verlässt, ohne eine wahrhaft schöne Erfahrung gesammelt zu haben.«

    »Du wolltest mich hier –«

    »Ja, ich gebe zu, mein Temperament ging etwas mit mir durch, aber das unterstreicht doch nur die Tatsache, wie verrückt du mich machst.«

    »Dito«, schnappte ich.

    »Im postiven Sinne.«

    »Was ist das Gegenteil von dito?«

    »Elfi …« 

    »Bevor ich mir meine Jungfräulichkeit von einem selbstverliebten Putten im EINHORNWAHN klauen lasse, beiße ich doch lieber so ins Gras, dankeschön.« Sein eindringlicher Blick machte mich so nervös, dass ich wohl anfing, wirres Zeug zu brabbeln.

    »Ich habe gesagt, ich mag dich.«

    Sehr. Das hatte er gesagt. Ich mag dich sehr. Ich zuckte mit der Schulter.

    »Engel können nicht lügen, Elfi. Wenn du es ganz genau wissen willst, bin ich verrückt nach dir. Weshalb sonst würde ich dich auf diesem hinrissigen Trip in dieser tristen Welt begleiten, anstatt dich über meine Schulter zu werfen und weiterzubugsieren? Glaubst du ernsthaft, ich hätte mit den ganzen alten Schachteln so lange gefackelt?« Seine Stimme war im Laufe seiner Rede immer lauter geworden. »Du bist unerträglich, vorlaut, widerspenstig, kratzbürstig und viel, viel zu jung für mich und dennoch …«

    »Ja?«, krächzte mein verräterischer Mund.

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