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Wohin mit dem Trauma – das Monster, das ich rief, werd ich nun nicht mehr los.

*Über die Entstehung eines Songs*

Vor einiger Zeit habe ich mir ein Trauma zugelegt. Es ist ein extrem nerviger Zeitgenosse. So, als habe man sich ein kleines (oder auch nicht so kleines) Monster einverleibt, das in unvorhersehbaren Abständen in Zerstörungswut verfällt und dich von innen aushöhlt wie ein Parasit. Es raubt dir die Fähigkeit zu schlafen, zu essen, zu funktionieren. Es macht deine Gedanken dunkel, die Hände unruhig und die Augen feucht. Es lässt dir unerklärlicherweise das Herz rasen, dir ist ständig übel, du brichst in Schweiß aus, obwohl du frierst … du frierst immer.

Und leider kommt so ein Traumatier, um zu bleiben. Es kuschelt nicht oder gibt dir einen niedlichen Ausgleich für die ganze Kacke, die du seinetwegen wegschaufeln darfst.

Ich hab mir also so ein Trauma angelacht und wurde es dann nicht mehr los. Ein Jahr lang habe ich es verdrängt und ignoriert, versucht, es auszuhungern. Ich schwieg. Aber das war keine gute Idee, denn dann brach es mit aller Gewalt aus mir heraus und plötzlich konnte ich nur noch brüllen. Ich habe versucht, es zu zähmen, mit Hypnotherapie und klassischer Psychotherapie, das war wie so eine Art Hundeschule für Traumamonster. Ich lernte, mit dem Ding zu leben, aber es war immer noch da und brach von Zeit zu Zeit aus. Biss um sich. Zerfleischte hier und da mich oder jemand in meinem näheren Umfeld. Freunde hatten Angst vor meinem Monster und blieben fort.

Es war eine Berg- und Talfahrt. Ich kämpfte mich mühsam hoch, hoch, hoch und dann war der Gipfel so schnell passiert, dass ich es kaum mitbekam, dass es mir gut gegangen war, weil ich schon wieder mit Karacho abwärts raste. Mal gelang es mir, den Fortschritt zu sehen, den ich mit meinem Monster gemacht hatte – manchmal sogar, was ich DURCH das Monster erreicht hatte, denn es zwang mich, mich mir selbst zu stellen, und ich MUSSTE kämpfen und beweisen, wie stark ich bin. Ohne Trauma hätte ich nie gewusst, was für eine Superheldin ich bin. Meistens hätte ich trotzdem liebend gern darauf verzichtet und das Biest wieder zurückgegeben, aber da gibts keinen Platz für im Tierheim.

Und irgendwann hab ich mich selbst so angekotzt, wie ich immer um dieses Monster herumztanzte, vorsichtig, um es ja nicht zu wecken. Wie ich darauf gewartet hab, wann es wieder zuschnappt und mich in die Untiefen zieht.

Ich spürte, dass ich diesem Monster einen Platz geben musste. Einen Ort, an den es gehört.

Also hab ich es in ein Lied gewebt. Es fing mit ein paar Akkorden auf der Gitarre an, kaum angeschlagen, kam es schon neugierig aus seinem Loch und ich spielte um es herum, in der Hoffnung, dass es sich ein Nest in diesem Lied bauen würde. Ich habe meine Gefühle verwendet, weil mein Trauma mich besser kennt, als irgendjemand sonst, es durchschaut mich sofort, wenn ich versuche, mich oder es zu belügen. Das Trauma hat diese Gefühle erschaffen, es nährt sie und es half nicht, sie totzuschweigen oder sie auszusprechen, sie hinauszubrüllen, sie in Metaphern zu packen …

Aber es hat geholfen, sie in Musik zu fassen. Manchmal ist die Sprache unserer Seele eben melodisch. Die Worte kamen nicht, sie waren da. Die Musik wurde nicht komponiert, sie war da. Ich habe dieses Lied nicht konstruiert nach Schema A,B,C, sondern gemacht, was ich gefühlt habe. Ich weinte ununterbrochen. Beim Singen geweint. Beim Spielen. Beim Aufnehmen. Ich habe beim Anhören geweint. Jedes Mal.

Aber es ist ein gutes Weinen. Denn es fühlt sich richtig an. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nicht etwas „gegen“ das Trauma getan, sondern „für“. Das hört sich so paradox an, aber für mich war es der richtige Weg.

Vielleicht beißt mein Monster mich ab und zu in den Arsch. Garantiert werde ich es ein Leben lang in mir tragen. Aber ich habe ihm gezeigt, dass ich seine Sprache spreche und dass es zu mir gehört und wir schon einen Weg finden werden, wie wir miteinander klarkommen.

Still lying here ist ein anderes Lied als der Rest unserer Songs. Es wurde erstaunlicherweise von meinem Umfeld bisher am meisten kritisiert, obwohl ich nicht einmal um eine Meinung gebeten hatte und sogar die „Story“ hinter dem Lied bekannt war. Das hätte ich eigentlich nicht gebraucht. Aber ich hatte zumindest Antworten darauf.

1. Still lying here ist ruhiger, weil es einen Zustand des Erstarrtseins wiedergibt. Jeder traumatisierte Mensch kennt dieses Gefühl. Frozen. Du liegst da und stellst dich tot. Wenn du einen schnelleren Rhythmus und eine rockigere Version bevorzugen würdest, hast du es einfach nicht kapiert (freu dich! Du kennst das Erstarren also nicht.).

 … Und btw. … wer hat dich eigentlich gefragt?

2. Ja, du sagst einfach nichts dazu, weil du Angst vor meinem Monster hast, obwohl du weißt, dass ich von dir als einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben ganz unbedingt ein Lob gebraucht hätte. Schon okay. Ich verstehe, dass du Angst hast.

3. Das Video ist langweiliger als die anderen, weil ich nur im Wasser liege und herumtreibe. Ich bin ein Jahr lang nur im Meer gelegen und hab mich treiben lassen. Manchmal sind mir die Wellen über den Kopf geschwappt, manchmal zog es mich bis auf den Grund. Manchmal hat mir die Sonne ins Gesicht geschienen und ich fror trotzdem. Du wirst es aushalten, mir nicht einmal vier Minuten beim reglosen Liegen zuzusehen. Oder nicht. Deine Entscheidung.

4. Es wäre besser, wenn ich mein Trauma nicht immer wieder auspacken, in die Welt hinausbrüllen, andere Leute deshalb mit Unbehagen erfülle. Es wäre besser, wenn ich nicht an das Bein pisse, das mir doch mal ein Gehalt gezahlt hat. Es wäre besser, ich würde jetzt so langsam mal damit aufhören. Weißt du, Brunhilde, was besser wäre? Wenn ganz viele Leute dieses Lied hören und diesen Text lesen und erkennen, dass sie nicht allein sind. Dass es nicht normal ist, was ihnen passiert ist, dass man das ruhig laut sagen kann und darf, weil uns ein Unrecht geschehen ist und nicht die, die es verursacht haben, damit leben müssen, sondern ICH! Ich allein hab das Monster!!!

Am 26.09.2020 kommt Still lying here in die Stores/Streamingplattformen, da wird dann auch die Videopremiere sein (und aktuell gibt es auf honey.pepper.music auf Instagram schon einen 1 Minuten Teaser) und es war mir bei keinem Lied bisher so wichtig wie bei diesem, dass ihr es anhört. Ich wünsche mir, dass ihr für die Zeit, in der ihr es hört, mein Monster seht und mich versteht. Vielleicht seht ihr auch eure eigenen Monster. Vielleicht schreibt ihr mir, und erzählt mir von ihnen. Ich wünsche mir von Herzen, dass dieses Lied euch an einer Stelle trifft, wo ihr schon lang nicht mehr hinsehen wolltet.

Ich wünsche euch, dass ihr am Ende auftauchen könnt und die Sonne euch ins Gesicht scheint und ihr jemanden habt, der auf einem Floß steht und ein Grinsen trägt und euch nasses, bibberndes Etwas in den Arm nimmt und sagt: Das hast du fantastisch gemacht!

1 Kommentar

  1. Ach Julia, ich habs ja schon öfter gesagt: ich bin froh Dich kennen gelernt zu haben. Du und Deine Gedanken bereichern mein Leben!
    Sei es durch wirklich tiefgründige Gedanken, die Du in Deine Bücher und Posts packst, oder sei es durch Deinen Humor, den ich wirklich sehr luebe!

    Die Bitschaft dieses Songs sollte auch ohne Gebrauchsanweisung für jeden halbwegs empathischen Menschen klar erkennbar sein. Mir gefällt er auf jeden Fall sehr gut – möglicherweise ist es sogar auf verschiedenen Ebenen Dein bester Song!

    Ich bewundere Deinen Mut! Lass Dich bitte nicht verbiegen, Du bist fenau richtig.

    Alles Liebe

    Agnes

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