Turmspringer, Kamikaze, Matchboxauto, Radiergummi, Wäscheleine

Als Eselkeks ein bestimmtes Stadtviertel ansteuerte, zog sich mein Magen zusammen. Beim Einfliegen in eine Straße, die mir nur allzu bekannt war, nagte ich auf meiner Unterlippe, bis ich Blut zu schmecken glaubte. Allein der Gedanke, dass ich vermutlich blutleer war, lenkte mich ein wenig von meiner Nervosität ab. Es konnte doch nicht wirklich sein …

Und dann ging er ausgerechnet vor diesem Haus in einen Sinkflug. Er würde sicherlich das Nachbarhaus anfliegen. Oder er landete nur, um sich auszuruhen. Vielleicht hatte er einen Flügelkrampf? Aber der fast schon ängstliche Blick, mit dem er zu uns heraufsah, verursachte in mir ein Gefühl, als sei ich ein TURMSPRINGER, der nach dem Absprung feststellte, dass kein Wasser im Becken war.

»Nein …« Meine Stimme war gar nicht da. Anscheinend war meine Körpersprache laut genug, denn Cimaron reagierte sofort, ohne zu wissen, wer dort unten wohnte. Er drehte ab und flog mit mir einige Straßen weiter, ehe er landete und mich so behutsam abstellte, als sei ich ein Ei mit gesprungener Schale. Genau so fühlte ich mich.

Eselkeks kam herangetrudelt. Cimi grollte, als er den anderen Engel kommen sah. »Der Arsch soll sich mal hertrauen.«

Eselkeks landete mit dem größtmöglichen Abstand zu Cimaron auf dem Rasenstück. »Tut mir leid, Elfi.«

»Wer wohnt da?« Cimaron konnte kaum die Wut in seiner Stimme verbergen.

Sein Engelskollege überließ ausnahmsweise mir das Reden und ich brauchte mindestens zehn Jahre und dreitausend Liter geschluckten Speichel, bevor ich etwas herausbrachte. »Mein Pa– mein Vater.«

Cimarons Arm wickelte sich fester um meine Schulter, aber ich fühlte ihn gar nicht richtig.

»Du täuschst dich«, sagte ich zu Eselkeks. »Mein Vater ist Lehrer, der schreibt keine Artikel.«

»Offenbar arbeitet er seit ein paar Jahren als freier Journalist bei dem Tagesblatt. Meistens zwar für Fußballberichte, aber für dich hat er sich wohl auf fremdes Terrain –«

Cimaron schoss wie ein KAMIKAZE vor und packte Eselkeks in einer für mich zunächst nicht ganz begreiflichen Haltung. Erst auf den zweiten Blick kapierte ich, dass er die weißen Fluff-Flügel in die Mangel genommen hatte. Sensibelste Teile, aha aha. Dies war also das Pendant zu einem Typen, der einem anderen in den Schritt packte. Öhhh…

Ich schüttelte über mich selbst den Kopf. Wie konnte ich in dieser Situation über so etwas nachdenken? Bestimmt stand ich total unter Schock. Wo war der RADIERGUMMI, mit dem ich meine wirren Gedanken und die letzten Stunden aus dem Skript radieren konnte?

Eigentlich glaubte ich das Ganze ja immer noch nicht. Bloß weil mein Vater schon immer leidenschaftlich das armselige Gekicke der Lokalmannschaft kommentiert hatte, hieß das noch lange nicht, dass er sich hinter KOZ verbarg und so einen Schmu über mich verfasst haben sollte. Wieso überhaupt? Was hätte mein Vater davon –

»Weil er sich an Elfis Mutter rächen wollte, die ihn verlassen, keinen Kontakt zur Tochter erlaubt hat und ihn öffentlich verspottet hat.«

Offenbar hatte Cimaron meine Gedanken ausgesprochen, denn Eselkeks antwortete gerade darauf.

»Aber deshalb seine eigene Tochter umzubringen …«

»Jaaa… zugegeben, das ist noch nicht hundertprozentig sicher. Aber zumindest hat er ein Motiv. Und er hat definitiv diesen Artikel geschrieben. Sogar sein Kürzel ist eine Anspielung auf seine verkorkste Ehe. KOZ steht nämlich für Karin Ohnezunge. Karin ist Elfis Mama. Und ohne Zunge bedeutet, dass er sie mundtot machen wollte.«

Ich versuchte etwas zu sagen. Aber noch immer war meine Kehle wie zugeschnürt. Die beiden Engel bemerkten nichts von meiner Qual und stritten sich weiter über meine Belange, als wäre ich gar nicht da.

»Was hat Karin denn getan, dass er so weit geht?«, fragte Cimi gerade.

»Ich hab mal ein wenig herumgeschnüffelt und es muss wohl irgendwie mit seiner MATCHBOXAUTO-Sammlung zusammenhängen.«

In dem Moment brach etwas in mir. Ich platzte heraus. Und obwohl es vollkommen unpassend war, lachte ich hysterisch.

All das, was Eselkeks da sagte, war richtig, und zugleich so unmöglich und vollkommen falsch. Ja, meine Mutter hieß Karin und er hatte auch öfter damit gedroht, ihre spitze Zunge rauszureißen, das mit dem Kürzel war also vermutlich richtig. Sie hatte meinen Vater verlassen und mich weitgehend allein erzogen, aber doch nur, weil er mehr an Fußball und seiner beschissenen Modellautosammlung interessiert war als an uns. Und warum sollte sich das nun – nach all den Jahren – plötzlich ändern? Dass er mein Mörder sein sollte, war schlichtweg unmöglich. Weil er leicht übergewichtig war und viel zu faul, um auf das Hochhausdach zu klettern. Weil ich ihm egal war – und jemand, der einem Wurst war, den brachte man doch nicht um, oder? Und weil es überhaupt keinen Sinn ergab, dass er sich nach all den Jahren an meiner Mam rächen wollte und da auf die Idee kam, mich dafür zu benutzen. Das war einfach …

zu

viel.

Cimaron kniete neben mir im Gras und hielt mich fest. Vermutlich dachte er, ich würde durchdrehen. Tat ich auch. Und zwar megamäßig. Ich lachte so, dass mir Tränen in Strömen die Wangen herunterliefen. So sehr, dass ich schluchzen musste und mein Kehlkopf schmerzte und meine Augen brannten und mein Herz … mein Herz … das doch tot war!

»Elfi. Es ist alles gut … Ich bin da. Ich verspreche dir, ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht. Wenn es zu sehr wehtut, brechen wir hier und jetzt ab und –«

»Und dann *schluchz* schmeißt du mich *hicks* einfach so in die Hölle?«

»Ich würde ja mitkommen. Die Strafe hab ich sowieso verdient. Du bist also nicht allein …«

»Na toll, das ist, wie einer Verzweifelten eine WÄSCHELEINE hinzuwerfen«, kommentierte Eselkeks, »an der sie sich aufhängen kann.« Er hob die Zeigefinger. »Elfilein, du kommst zwar in die Hölle für einen Selbstmord, den du nicht begangen hast, aber, surprise! Ich komme mit! Juhu! Lasst uns ein Fest feiern!«

Ich gab ein schnorchelndes Geräusch von mir, irgendwas zwischen Lachen und Heulen. »Ach, Eselkeks …«, schniefte ich voller Zuneigung. »Du verstehst mich.«

Cimi schnaubte. »Und was ist dann euer Plan, ihr neuerdings besten Freundinnen?«

Eselkeks‘ Grinsen hatte etwas Überlegenes. »Was schon? Wir klären den Mord an Elfi auf, konfrontieren den Zuteilengel mit seinem Fehler, verschaffen uns Gehör vor dem Jüngsten Gericht, werden zu seiner Heiligkeit vorgeladen, Du wirst in allen Ehren wieder aufgenommen und Elfi schwebt im obersten Himmel auf einer rosa Wolke …«

Das hörte sich selbst für mich total bescheuert an.

11 KOMMENTARE

  1. 😢😭😭😭 Manno mein Herz bricht gerade mit Elfi, dass nenne ich mal wieder eine Wendung meine LIEBE!!!!

    Na gut auf zu den nächsten 5 Wörtern, meines wäre Tulpenzwiebeln 😏

  2. Ach herrje. Damit habe ich ja jetzt gar nicht gerechnet (*augen aufreiß*)
    Es wird immer interessanter. Und ich bin echt jedes Mal beeindruckt, wie du es schaffst selbst die sinnlosesten Wörter da einzubauen. Danke Julia 🙂

    Mein Wort wäre Elefantenjagdverein

  3. Echt jetzt? Der Vater? Da hat Elfi ja mehr zu verdauen als so manch Lebender. Sie tut mir echt leid und trotzdem bin ich froh, dass sie Cimi und Eselkeks an ihrer Seite hat. Klar, die nerven mit ihrem ständigen Schwa … ähm, Flügelvergleich 😏, aber damit sorgen sie auch für etwas Ablenkung in all dem Chaos. Wer diese Geschichte nicht liebt, der sollte sie endlich mal lesen 😁

    Hier kommt das neue Wort … Badeschaum

  4. Wow wow wow ! Damit hab ich jetzt aber mal überhaupt nicht gerechnet! ! Da bin ich ja mal gespannt ob er nur der Artikelverfasser oder auch der Mörder ist? Hach und selbst der Eselskeks wird mir immer sympathischer!
    Mein Wort für dich ist Klopapierrollenpuppe ( du erinnerst dich an die Dinger die früher in den Autos auf den Hutablagen saßen?)

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