Kopfhörerkabel, Gardinenschnur, Aufziehherz, Erdbeersahnemuffins, Fahrradgepäckträger

»Als wer?«, fragte ich, als Eselkeks selenruhig meinen super Noise-Cancelling Kopfhörer in die Hand nahm, ihn sich auf Schritthöhe hinhielt und die Ohrstücke umklappte.

»Hm… Ich glaube, das solltest du besser mit eigene Augen sehen, sonst glaubst du mir nie.«

Ich überlegte, ihn mit dem KOPFHÖRERKABEL zu erdrosseln, aber er hatte das Teil (Gott sei Dank!) wieder beiseitegelegt, ohne ausprobiert zu haben, ob es ihm da unten passte. Was mich sofort wieder auf den Gedanken an Flügelspannweite und Cimis Ausstattung in anderen Bereichen zurückbrachte. Hilfe!

»Ich dachte eigentlich Engel seien geschlechtslos«, blubberte es aus mir heraus. Jetzt aber wirklich: Hilfe!!

»Mh… und das hat dir wer erzählt? Derjenige, der so gut in Engelkunde aufgepasst hat, dass er weiß, wie oft wir mit dem Big Boss Kaffee trinken … Oder dass wir den ganzen Tag nackt auf einer Wolke Harfe spielen?«

»Darmflöte!«, quakte Eselkeks sein Lieblingsinstrument dazwischen.

Okay, zugegeben, ich kannte mich echt nicht mit Engeln aus. Das wurde mir immer bewusster, je mehr Zeit ich mit den beiden Exemplaren verbrachte. Selbst die beiden schienen – obwohl sie derselben Spezies angehörten – ziemlich unterschiedlich zu sein. »Also gibt es auch weibliche Engel?«, fragte ich Eselkeks. (Als ob mich das interessieren würde!)

»Ohhhhh ja!«

Na gut, jetzt interessierte es mich. »Und wie sind die so?«

Er musterte mein T-Shirt. Lange. Sah zu Cimaron und dann wieder zu mir. Ein Grinsen kroch über sein Gesicht. »Weißt du, Elfi …«

»Lass uns gehen! Wir wollen doch herausfinden, wer KOZ ist«, unterbrach ihn Cimaron und riss mich ohne abzuwarten am Arm hoch. Er hatte es so eilig, dass sich mein rechtes Bein beim Durchqueren der Fensterscheibe in der GARDINENSCHNUR verhedderte und Cimaron fünf Minuten mit Engelszungen … äh … einer Zunge nur … auf mich einreden musste, um mich davon zu überzeugen, dass mir NICHT das Bein abgerissen werden würde, wenn wir nun einfach losflogen. Trotzdem fühlte ich den ganzen Flug über Phantomschmerzen in meinem nicht-amputierten Unterschenkel.

Das Ganze ärgerte mich maßlos. Eselkeks Andeutungen. Cimis Ausweichmanöver. Ich hatte langsam das Gefühl, er log öfter, als er die Wahrheit sagte. Eigentlich sollte ich ihm ganz deutlich zeigen, wie kacke ich ihn fand. Leider war es sehr bequem in seinem Arm.

»Das hat mir gefehlt …«, raunte Cimaron mir ins Ohr.

Sein warmer Atem brachte mein Herz zum Stottern. Affiges Ding. Ich war tot! Mein Herz hatte keinerlei Funktion mehr!

»Wer’s glaubt …«, brummte ich. »Wenn es nach dir ginge …« Und dann brach ich ab, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich den Satz beenden sollte. Am Anfang hätte ich gesagt, dass ich zu jung für seinen Geschmack wäre – aber da hatte er gelogen. Dann hätte ich gesagt, dass er mich sowieso nur entjungfern wollte – was aber ganz offensichtlich ebenfalls eine Lüge gewesen war. Er wollte mich anscheinend auch nicht ernsthaft auf eine andere Ebene befördern, weil er es sonst – laut Eselkeks – längst getan hätte. »Cimaron, warum sind wir wirklich noch hier? Was willst du von mir?«, fragte ich und die Art, wie er die Kiefer zusammenbiss, krampfte mein Herz zusammen. Es würde brechen. Es würde – nein! Es war kein lebendiges Herz mehr. Es glich eher einer … Spieluhr, ich musste es nur aufziehen, wenn es aufhörte, dann würde es wieder weiterschlagen und mir Normalität vorgaukeln, ganz egal, was Cimaron antwortete.

»Warum beschwerst du dich? Du wolltest doch deinen Mörder finden und ich leiste dir dabei Gesellschaft.«

Natürlich hatte ich nicht mit einer Liebeserklärung oder einer ehrlichen Antwort gerechnet. Ich kurbelte das blöde AUFZIEHHERZ wieder an. »Dann bist du also wirklich nur wegen dem Kuchen mitgekommen?«

»Wegen des Kuchens! GE-NI-TIV! Und nein, nicht nur deshalb.« Das Herz tickerte wieder los, als Cimi mich auf diese spezielle Art ansah und sich etwas zu mir neigte. »Ich konnte auch diesen ERDBEERSAHNEMUFFINS nicht widerstehen. Die sind wirklich ein Grund für einen verlängerten Urlaub auf der Erde.«

Ich war nicht enttäuscht. Ehrlich nicht. Kein bisschen. Und es störte mich auch null, dass Eselkeks mich besorgt von der Seite musterte, als der Wind mir ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln drückte.

»Vielleicht sollten wir das jetzt doch nicht machen …«, meldete sich der blonde Engel überraschend zu Wort.

»Wieso denn? Ich dachte, du willst hier auch nur deinen Job machen und dann so schnell wie möglich zurück zu den sexy Superengelinnen …« Es kam deutlich weniger überzeugend heraus als ich gewünscht hatte, weil ich dabei schluchzte und meine Stimme versagte. Dieser blöde Flugwind hatte mir wohl eine Erkältung beschert.

»Ähm … Cimaron, könntest du mal landen?«, fragte Eselkeks und ich wusste echt nicht, wer von uns beiden verwirrter aus der Wäsche guckte, jedoch sank mein Trägerengel zögerlich zur Erde.

»Was gibts?«, fragte er. Ich konnte seine Anspannung fühlen, weil er seine Arme fester um mich schloss, obwohl wir längst festen Boden unter den Füßen hatten.

»Also, es ist so …« Eselkeks unsicher zu sehen war eine ganz neue Erfahrung. Es hätte mir besser gefallen, wenn ich nicht so ein saublödes Gefühl in der Magengrube gehabt hätte. »Dieser KOZ … das Ganze wird Elfi echt verletzen.«

»Schlimmer kanns ja kaum werden. Ich hab gerade mitbekommen, wie meine Mutter meinen untreuen Exfreund angebaggert hat.« Ich schauderte.

»Trotzdem … Ich möchte das lieber erst mit Cimaron besprechen.«

»Was gehts ihn denn an? Ihm ist es doch Wurscht, wie es mir geht. Er will doch auch bloß wieder zurück zu den heißen Engelsbräuten.«

»Die sind nicht heiß, das sind schreckliche Zicken«, unterbrach Cimi mich, ließ aber Eselkeks nicht aus den Augen, als würden sie einen wortlosen Kampf austragen. Dass Eselkeks ihm nicht widersprach, wunderte mich. Aber vielleicht stimmte es ja. Meine Laune hob sich etwas.

»Und Cimi würde ja sowieso nicht zu den weiblichen Engeln gehen können.«

»Ezekeel!«, warnte Cimaron.

»Wieso nicht? Weil sie ihn nicht mehr ranlassen, seit er so viele gebisslose Irdische vernascht hat?«

Das entlockte Eselkeks ein kurzes Grinsen. »So in etwa.«

»Ärmster Cimi …« Ich klopfte seinen Handrücken. »Von den Engelinnen verstoßen. Du musst frustriert sein.«

»Tja …«, setzte Eselkeks an, aber Cimi unterbrach ihn mit einer schneidenden Geste, die in unserer Welt »Kopf ab« bedeutete.

»Lass mich das doch Elfi bitteschön selbst erklären, ja?«

Eselkeks lehnte an einen FAHRADGEPÄCKTRÄGER. »Allein?«, setzte Cimi hinzu.

Eselkeks zuckte die Schultern. »Meinetwegen. Ich bin aber nur außer Hörweite. Ihr braucht also nicht versuchen, abzuhauen. Und Cimaron, ich denke, es ist wirklich an der Zeit, ihr alles zu erzählen, denn sobald herauskommt, wer KOZ ist, wird sie etwas brauchen, an das sie glauben kann …«

Noch nie war mir Eselkeks so sympathisch gewesen. Er flatterte davon. Ich sah ihn nicht mehr, war aber sicher, dass er uns von irgendwo beobachtete.

Cimaron ballte eine Faust. Öffnete sie. Schloss sie wieder. Ich setzte mich mal. Das sah aus, als könnte es länger dauern. »Also … ich hab gelogen«, begann er schließlich.

»Oh!« Ich schlug die Hand vor den Mund. »Im Ernst? Vielleicht fangen wir lieber damit an, wann du nicht gelogen hast, damit sind wir bald schneller fertig.«

Cimaron starrte auf seine Fußspitzen und hob dann den Kopf, um mir direkt in die Augen zu blicken. »Ich mag dich. Ich mag auch Erdbeertörtchen, aber nicht so sehr wie dich. Das war nicht geplant und ich weiß nicht, warum es so ist, aber es ist so. Ich habe wirklich Flügel, aber sie sind riesig und schwarz und eine Schande für einen Engel, darum verstecke ich sie. Ich habe schon mal mit Gott gesprochen, aber nur einmal und ich hoffe wirklich, dass ich da nie wieder hinmuss, weil es echt furchtbar war und wahrscheinlich komme ich auch nie wieder dahin, vor allem, weil das mit dir hier so wahnsinnig schiefgelaufen ist und mir das nie verziehen wird, obwohl der Plan eigentlich ein ganz anderer war und … ich mag dich. Sehr.«

Dieser Wortschwall überforderte mich so vollkommen, dass ich minutenlang gar nichts herausbrachte. Und dann sagte ich: »Das war die Wahrheit?«

Er nickte.

»Beweis es!«

Er hob fragend eine Augenbraue. Atmete tief ein. Und dann breitete sich hinter ihm plötzlich ein gewaltiger Schatten aus. Erst dachte ich an einen Monsterangriff, aber dann raschelte es und abertausende ölig glänzende Federn fächerten vor meinen Augen auf.

11 KOMMENTARE

  1. So gut 🥰 ich bin mittlerweile voll dabei und Fieber es total mit !!
    Ich gebe gerne ein neues Wort falls du noch brauchst🙃,
    Meins wäre:
    LUFTSCHIFFPIRATIN

  2. 🤩😍💜😍🤩 Es gibt nicht genug Emojis für diese Geschichte!!!

    Ich sage nochmal ICH BRAUCHE EINE ZEICHNUNG!!! Bitte!!!!

    Mein nächstes Wort: Telefonkonferenz 😁

  3. Schwarze Flügel. Seuftz. Umwerfend Julia, einfach umwerfend! Schwarze Flügel sind sexy 😉

    Mein Wort wäre Salamimander XD

  4. Meine Liebe, Cimi ist so wunderbar, auch wenn er vorher so viel gelogen hat. Und irgendwie wird mir der Eselskeks auch gerade sympatisch. Vielen Dank ich musste echt den Atem anhalten bei diesem Teil! Mein Wort ist Regenbogengold 😉

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